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Genuss zwischen Zillertal, Corvara und Großglockner. Beste Adressen!

Früher war die Speise- und Getränkekarte für die Pistenpause der Skifahrer nur von Kalorien- oder Alkoholzufuhr bestimmt. Glühwein und Germknödel, Jagatee und Jausenteller, Bier und Bohnensuppe. Diese Eintönigkeit gibt es glücklicherweise immer seltener, findet FOODHUNTER-Autorin Karin Lochner und verrät Adressen in den Alpen, wo lukullische Genüsse das Skifahren fast zur Nebensache werden lassen.

Autor Karin Lochner, Fotos Peter von Felbert, Achim Kraus

Jerzner Hof, Jerzens, Österreich

Der Himmel ist postkartenblau, der Schnee pulvrig wie aus einem Werbefilm. Jedoch der Koch des „Jerzner Hofes“, Bruno Wohlfahrter, will nicht fotografiert werden. Seine Gerichte stünden im Mittelpunkt. Die können gerne aufs Bild. Aber er? Bekannt ist der Chef durch sein Bekenntnis, die hochwertigen Zutaten nicht verfälschen zu wollen.

So spielt er mit dem Rollmops, der sich eher nach Imbiss anhört. Wohlfahrter jedoch formt den Rollmops aus den feinsten heimischen Forellenfilet und serviert dazu Zucchini-Tatar und tournierte Kartoffeln. Eine gute Wahl. Am Nachbartisch schwärmt man vom Wiener Rindsgulasch. Bei Wohlfahrtner behält jedes Gericht – für uns fast schon Sterneniveau – die originale regionale Note.

Das Familienhotel, geführt von Familie Eiter, bietet weitere Trümpfe: Der Spa-Bereich ist gerade weitläufig genug, um den Wow-Effekt bei jedem Besucher auszulösen, der gerne schwimmt, schwitzt und sich die Schultern massieren lässt. In den Kaminen brennt Feuer, ich hole mir einen Kräutertee und kuschle mich in die Nachmittagssonne aufs Schaffell. Als dem Sohn des Hauses klar wird, dass wir aus München kommen, schwärmt er vom FC Bayern, dass ihm die Ohren glühen. Schnell sind wir Teil der großen Familie. Ein Gast programmierte sogar eine App, damit man immer tagesaktuell weiss, worauf man sich im Hause freuen kann z. B. an diesen Abend auf Jerzner Speckknödel Brätl. – Womit wir schon wieder beim Essen wären. Jerzner Hof, Oberfeld 170, A-6474 Jerzens, www.jerznerhof.at

Jerzner Hof, Fotos Peter von Felbert, Foodhunter

Jerzner Hof, Fotos: Peter von Felbert

Jerzer Hof, Foto Peter von Felbert, Foodhunter

Jerzner Hof, Foto: Peter von Felbert

La Perla, Corvara, Italien

Früher einmal war Michil Costa, der Inhaber des Vier-Sterne-Hotels „La Perla“, Punk im London der Siebziger Jahre. Ein wenig ahnt man das Rebellische noch. Er lächelt verschmitzt und hat statt teurer Kugelschreiber viele Buntstifte in seinem Jackett stecken. Das sieht selbst mit Anzug lässig aus. Dass die Region Alta Badia zu einer der nobelsten Wintersportregionen aufgestiegen ist, dazu hat Michil Costa viel beigetragen. Vom Parkplatz des Hotels blickt man auf die Dolomiten und kann in wenigen Schwüngen die Sella Ronda befahren.

Zur Piste und zur Seilbahn sind es vom Parkplatz aus genauso viele Schritte wie in das hoteleigene Sternerestaurant „La Stüa de Michil“, das seit 2002 ununterbrochen mit einem Michelin Stern ausgezeichnet wurde. Da zieht es uns hin. Die Einrichtung stammt von einem  jahrhundertealten ladinischen Bauernhof. Die Gäste lieben diese Stube, die viel Geborgenheit vermittelt. Auch dass man sich manchmal ein wenig ducken muss, um sich nicht den Kopf an einem Balken anzustoßen, erscheint wie eine Verbeugung vor Arturo Spicocchi, dem aus Marken stammende Küchenchef. Es gibt fast ausschließlich regionale ladinische sowie saisonale Speisen. So zum Beispiel einen Rehrücken in der Lebkuchenkruste, und als Nachtisch mit Kümmel aromatisierte „Verlorene Ritter“.

La Perla, Foto Peter von Felbert, Foodhunter

La Perla, Foto: Peter von Felbert

Maître Manuel kümmert sich nicht nur um das Wohl der Gäste, sondern auch um den hoteleigenen Weinkeller „Mahatma Wine“. 30.000 Flaschen, darunter edle Tropfen wie Sassicaia und Château d’Yquem. Gänseleber-Pastete hingegen suchen Gäste vergebens auf der Karte. Und auf Äpfel und Erdbeeren muss man bis Juni verzichten. Dafür gibt es raffinierte Aromen und italienische Geschmackserlebnisse auch in den anderen Restaurants des La Perla, z. B. Wurstwaren aus den Abruzzen und Burrata aus Neapel, aber auch regionales Hirschfilet und hausgemachte Knödel. Ein kulinarisch aufregender Balanceakt zwischen mediterraner und südtiroler Küche, der uns begeistert, weil er den einmaligen Erzeugnissen ihren verdienten Raum lässt.

Bei so vielen Geschmackserlebnissen haben wir kaum Lust, das Haus zu verlassen. Selbst dafür hält das La Perla eine schöne Überraschung bereit: Gäste, die ihr Auto während des Hotelaufenthaltes drei Tage nicht benutzen, bekommen zum Dank eine Flasche Sassicaia und ihr  Wagen wird symbolisch mit einem grünen Band verziert. So verwandelt sich eine Gabe aus dem Weinkeller – der Inbegriff bourgeoiser Dekadenz – subtil in einen Akt der Rebellion. Das hätte seinerzeit sogar den Punk in London gefreut. La Perla, Str. Col Alt 105, I-39033 Corvara (BZ) Alta Badia www.hotel-laperla.it

La Perla, Fotos Peter von Felbert, Foodhunter

La Perla, Fotos: Peter von Felbert

Gradonna, Kals am Großglockner, Österreich

Im „Gradonna“ in Kals riecht es wunderbar nach Zirbe. Im Foyer genauso wie in den Zimmern. Die Nische, die sich dort mit einem Vorhang vom restlichen Zimmer abtrennen lässt, ist ruckzuck  eine kuschelige Ecke für Paare verwandelt oder einfach der exklusive Aussichtsplatz auf den mächtigen Großglockner. Die Nische ist eines der vielen zauberhaften Details des 2012 eröffneten Gradonna Mountain ResortChâlets & Hotel in Kals am Fuße des Großglockners.

Ein schöner Geist weht durch das Haus. Die Chalets stehen kreuz und quer, so wirkt es manchmal. Dabei wurde darauf geachtet, dass alles organisch bleibt, kein Felsen und kein Baum dem Bauprojekt weichen musste. Für die wunderbar duftenden Zimmer hat man eine Jahresernte an Zirbenholz verarbeitet. Heimische Leinen, Loden und Filzstoffe verströmen eine bodenständige und gleichzeitig exklusive Note, in den Zimmern, wie auch im Restaurant.Hier wirkt Michael Karl mit seinem Team aus zehn Köchen.

Bis zu 340 Halbpensionshotelgäste werden neben den 30 Plätzen des à-la-carte Restaurants versorgt. Weil man nur eine Stunde von Friaul entfernt ist, schlägt sich der mediterrane Einfluss in der Speisekarte nieder. Mit Kartoffelpasta umwickelte Garnelen, gebackene Mozzarellaknödel auf Safranrisotto oder Zucchinipiccata mit Rucolanudeln und Parmesan. – Flankiert von alpinen Spezialitäten wie Osttiroler Berglamm in der Kräuterkruste oder Rehnüsschen mit Polenta. Bei so vielen Gästen so gleichbleibend gut zu kochen, verdient höchsten Respekt. Gradonna, Gradonna 1, A-9981 Kals am Großglockner www.gradonna.at

Gardonna, Fotos Peter von Felbert, Foodhunter

Gardonna, Fotos: Peter von Felbert

Adler Lounge, Kals am Großglockner, Österreich

Ebenfalls in Kals steht der futuristische Würfel, eine kühne Glaskonstruktion, Adresse des Restaurants „Adler Lounge“, einem der höchstgelegenen Haubenlokale der Alpen. Um uns herum ist draußen wie drinnen gleißende Sonne und die endlose Weite des Panoramas mit 60 Dreitausendern. Die Erwartung auf ebensolche kulinarische Höhenflüge spiegelt sich schon in den Gesichtern der Gäste.

Küchenchef Walter Hartweger greift zu Tiroler Spezialitäten, um seine Gäste zu verwöhnen. So steht ein rosa gebratenes Entrecôte vom Almrind genauso wie ein Hirschragout als einer der Klassiker auf der Karte. Bereits bei der Ente zeigt der Koch seine Verspieltheit und serviert als Beilagen Powidl-Radicchio und geschmorten Kürbis statt Blaukraut und Knödel. Die Extravaganz des Bergrestaurants betont Hartweger besonders im 4-gängigen „Adler Lounge Menue“ und offenbart seine exotische Vorliebe mit Gerichten wie einer Tomatenessenz mit Thai Spargel oder Garnelen mit Paprika-Ingwer und Avocado.„Tom Ka Gai läuft bei uns genauso gut wie Gulasch!“, freut er sich.

Ein paar komfortabel ausgestattete Zimmer gibt es zum Übernachten. Wer das Glück hat, eins zu ergattern, ist im Einklang mit den 2621 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Zudem ist es ein unschätzbarer Vorteil, wenn nach vier Gängen keiner mehr die Ski anschnallen und ins Tal fahren muss. Nur noch auf die großzügigen Sofas im Loungebereich sinken und der Sonne beim Untergehen zusehen. – Luxus auf höchstem Niveau. Adler Lounge, Haus Nr: 81, A-9981 Kals am Großglockner www.adlerlounge.at

Adler Lounge, Fotos Peter von Felbert, Foodhunter

Adler Lounge, Fotos: Peter von Felbert

Wirtshaus zum Griena, Mayrhofen, Österreich

Das „Wirtshaus zum Griena“ in Mayrhofen im Zillertal stammt aus dem Jahre 1580 und ist ein kleines Juwel. Wirtin Alexandra Maria Thaler und ihr Bruder Clemens, der Koch, erfüllen ihren Gästen den Wunsch nach Unverfälschtheit, wie es ein so historisches Anwesen verdient. Gepfefferte Milchsuppe mit Brot oder Schliachtarnudeln mit Graukäse sind typisch Zillertaler Gerichte, wie sie die Menschen jahrhundertelang zubereitet haben und die heute dabei sind, in Vergessenheit zu geraten.

Unser liebstes ‘Arme-Leute-Gericht’  sind die Zillertaler Krapfen, eine Art Ravioli mit Käsefüllung, so delikat, dass wir fast nicht mehr aufhören können, obwohl der nächste Gang schon wartet: Die würzige Kraftbrühe mit den Kaspressknödeln. Trotz satter Glückseligkeit ist der süße Abschluss  zu verführerisch, um darauf zu verzichten: Der weit über die Dorfgrenzen bekannte Baubeerschmarrn, der eigentlich locker ein Hauptgericht ersetzt. Wirtshaus zum Griena, Dorfhaus 768, A-6290 Mayrhofen, www.wirtshaus-griena.at

Wirtshaus zum Griena

Wirtshaus zum Griena, Foto: Achim Kraus

Schulhaus am Zellberg, Zellberg, Österreich

Das „Schulhaus am Zellberg“ im Nachbarort Zellberg setzt auf Tradition und verdient beste Zensuren. Der 26-jährige Koch Stefan Geisler steht mit Mama Barbara in der Küche, während seine Schwester Maria mit Vater Christian in der Stube serviert. Letzterer saß in seiner Kindheit sogar hier in der Schulbank, denn, wie der Name vermuten lässt, steht das Gasthaus auf dem Platz der ehemaligen Dorfschule. Passend zum Haus präsentiert sich die Speisekarte kreativ als Schulheft mit Tintenflecken und kleinen Kritzeleien am Rande. „Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz“, wird Wilhelm Busch am Heftrand zitiert und dem können wir nur zustimmen.

Die Geislers machen vorzügliche Braten und versprechen in ihrem „Menü Regional“, dass alle Grundprodukte aus einem Umkreis von 33 km stammen. Bei unserem Besuch kosten wir ein vorzügliches Topinambursüppchen mit Lammhaxl-Ravioli, dazu hausgemachtes Brot mit Biobutter und Graukasaufstrich. Als Hauptspeise gibt es ein zartes Zillertaler Vollmilchkalb mit Biokarotten und Erdäpfel-Griesknödel. Zum dahinschmelzen ist auch das Dessert: hauchfeine Apfel-Topfentarte mit hausgemachtem Sauerrahmeis und Quarknockerl. In Geislers Schulhaus ist es wahrlich ein Vergnügen, sitzen zu bleiben. Schulhaus am Zellberg, Dorfhaus 162, Zellberg, www.gasthof-schulhaus.at

Schulhaus am Zellberg

Schulhaus am Zellberg, Fotos: Achim Kraus

 

 

 

 

Graukäse – eine Liebesgeschichte für Lesefreudige

Bleich sieht er aus, die Haut von Runzeln zerfurcht, der Leib ausgemergelt. Wie ein sehr alter Mensch scheint er stetig zu schrumpfen, bis irgendwann nichts mehr von ihm übrig bleibt. Aus seinen Poren strömt ein scharfer Geruch, als sei er schon lange nicht mehr an der frischen Luft gewesen. Die Südtiroler lieben ihn, doch der Tod steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Autor  Sandra Stricker, Fotos Peter von Felbert

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Seine Vorfahren waren arm, und er ist es heute noch. Er wird nur so alt, wie es sein Besitzer erlaubt. Ja, es stimmt: Er ist ein Lebensmittel, aber um die Zukunft des Ahrntaler Graukäses muss man sich Sorgen machen. Denn sein Leben, das ist hart.

Auf der Kaserstatt im Mühlwaldtal, einem dünnen Seitenarm des Ahrntals im Norden Südtirols, schneidet Ernst Steiner ihm ein paar Stücke aus den Rippen. Die Gesichtszüge des Senners sind so scharf geschnitten wie die Konturen der 3000er, die seine Alm umringen. Der 53-Jährige sitzt auf einer Holzbank ohne Lehne und zerreibt den Käse zwischen Fingern, deren brüchige Nägel nie ganz sauber werden. In einer Plastikschüssel mischt er die Brösel mit Ei, Milch, Brot, Mehl und Salz. „Heute gibt’s Pressknödel zum Mittagessen“, ruft er seinem neunjährigen Hirtenjungen Jonas zu.

Seit fünf Uhr früh sind die beiden auf den Beinen. Haben Ernsts vier Kühe von Hand gemolken. Die Tiere auf die Weide getrieben und die Rohmilch in die Zentrifuge geschüttet, um Sahne und Magermilch zu trennen. An der Quelle Zähne geputzt, Kaffee getrunken, den Stall ausgemistet, die Stube gekehrt. Jetzt ist es halb eins, Jonas ist müde und hungrig. Kein Wunder: Für den Schüler ist nur ein Ferienjob, was für Ernst seit neun Jahren Alltag ist. Und Lebensinhalt. Von Juni bis Ende September lebt er auf der Alm in mehr als 2000 Metern Höhe. Und ist einer der letzten Männer im Ahrntal, die Graukäse machen.

Graukäse, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

Die Stube der Kaserstatt misst keine zwölf Quadratmeter, sie ist dunkel und zugig, einen elektrischen Herd und fließendes Wasser gibt es nicht. Der Boden besteht aus plattgetretener Erde – keine Holzbalken, kein Teppich. Der Junggeselle Ernst lebt hier oben wie vor 100 Jahren. Er kocht und heizt mit offenem Feuer, das er mit selbst geschlagenem Holz schürt. Keine fürstlichen Bedingungen, unter denen der Graukäse das Licht der Welt erblickt. Aber das geht in Ordnung: Er ist keiner, der Luxus und Komfort braucht. Ungleich seinen fetten, bekannteren und bei Gourmets meist auch beliebteren Brüdern aus Süßmilch, entsteht er aus Magermilch. Böse Zungen würden sagen: aus Abfall. Magermilch bleibt übrig, wenn der Rahm abgeschöpft und sich in Butter, Sahne und fetten Käse verwandelt hat. „Ein Arme-Leute-Käse“, sagt Ernst ohne Bitterkeit und lacht. Aber heute ist Graukäse mit seinem geringen Fettgehalt ein ideales Nahrungsmittel, um schlank zu bleiben.

Der Graukäse verlangt auch kein Lab, das Enzym aus dem Magen von Kälbern, ohne das Süßmilch nicht gerinnt. Keine Kräuter oder Gewürze. Ein wenig Salz, das war’s. Kalte Luft bekommt ihm nicht – aber der Platz unter Ernsts Matratzenlager, der ist ihm gerade gut genug. Ganz unspektakulär reift er hier wochenlang in hundertjährigen Holzfässchen vor sich hin. Bauern, die es gut mit ihm meinen (und das tut Ernst), drehen ihn ab und zu um. Mehr Zuwendung braucht er nicht.

Dem Ernst, seinem Erzeuger, bringt der Graukäse den Sommer über viel Freude: In Kaspressknödeln versteckt, auf Blutnudeln dahin schmelzend oder pur mit Brot und selbst gemachter Butter. Wenn Ernst ein älteres Exemplar vor sich hat, dann schiebt er sich einen Bissen in den Mund und schüttelt sich, wie nach einem Stamperl Schnaps. Säuerlich und im Abgang bitter schmeckt der grau-gelbe Käse dann. Die jüngeren Stücke sind noch ganz weiß und sehen aus wie der Quark, aus dem der junge Laib geformt wird. Die mag sogar Jonas, so mild und unaufdringlich sind sie. Nur eins schafft der Graukäse nicht: Dass Ernst mit ihm Geld verdient. Und genau das ist das Problem.

In Sand in Taufers, zehn Kilometer und einen Zeitsprung von der Kaserstatt entfernt, steht Martin Pircher an der Käsetheke seines Supermarktes und runzelt die Stirn im Neonlicht. „Der Ahrntaler Graukäse ist vom Aussterben bedroht“, sagt der 44-Jähige.

Graukäse, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

Pircher ist ein freundlicher Mann mit sanften braunen Augen. Den Supermarkt hat er von seinem Vater übernommen. An seiner Theke finden Kunden die größte Käseauswahl im ganzen Ahrntal. Der Vater von zwei kleinen Töchtern arbeitet in der Hochsaison sieben Tage die Woche. Martin Pircher liebt seine Arbeit – und Käse in jeglicher Form. Emmentaler, Schafskäse, Romadour. Mozzarella, Ricotta, Graukäse.

So sehr, dass er alle zwei Jahre das Käsefestival in Sand in Taufers organisiert: Knapp hundert Produzenten aus ganz Europa präsentieren hier rund tausend Sorten. Einer von ihnen ist der Ahrntaler Graukäse.

Dass sein Schützling vom Aussterben bedroht ist, merkte Martin Pircher schon vor Jahren. „Es gibt im ganzen Ahrntal nur 30 Produzenten, die den Käse machten – und da sprechen wir von Bauern mit zwei, drei Kühen im Stall.“ Nur zwei von ihnen haben eine Verkaufslizenz. Die anderen, Ernst Steiner von der Kaserstatt ist einer von ihnen, essen ihre Erzeugnisse selbst oder geben sie an Bekannte weiter.

Wenn man bedenkt, dass das Überleben des Graukäses von 30 Bäuerinnen und Bauern abhängt, dann ist klar, dass der Graukäse in einer prekären Lage ist. Ernst Steiner hat keine Kinder. Ob Jonas in zehn Jahren noch genauso viel Freude an dem Leben auf der Alm hat wie heute, ist fraglich. Wenn er studiert statt Senner zu werden, wem soll Ernst dann seine Tradition vererben? Das Weiterleben des Graukäses hängt einzig und allein davon ab, ob es in Zukunft genug Bauern gibt, die ihn herstellen wollen – und ob sie den Aufwand auf sich nehmen wollen, eine Verkaufslizenz zu beantragen. „Vor allem die älteren Leute scheuen sich vor der Bürokratie“, sagt Martin. Die sei zwar gar nicht so schlimm, aber den meisten Bauern grause es schon bei dem Gedanken, Formulare auszufüllen, ihren Käsekeller kontrollieren zu lassen und ihre Steuererklärung noch komplizierter zu machen, weil sie den Erlös angeben müssen.

Obwohl es auch im Zillertal und in Nordtirol Graukäse gibt, darf sich nur der Ahrntaler „Presidio“ nennen

Die gute Nachricht lautet: Einige Menschen haben die Not des Graukäses erkannt: Martin Pircher und die Mitglieder von Slow Food. Als Pircher 2003 den Graukäse erstmals auf der weltgrößten Käsemesse vorstellte, der „Cheese“ in Bra bei Mailand, stießen beide auf Begeisterung: Slow Food verlieh dem Ahrntaler Graukäse das Prädikat „Presidio“. Das Wort heißt auf italienisch Schutzraum. Die Auszeichnung erhalten Lebensmittel, einzigartig in Produktion und Geschmack – und vom Verschwinden bedroht. Herstellung und Verkauf der Produkte werden unterstützt, indem sie künftig auf einer Art Roter Liste der Kulinarik stehen. Martin Pircher ist seitdem so etwas wie ein Botschafter des Graukäses. Er sucht neue Senner, betreut interessierte Journalisten und stellt Köchen das Nahrungsmittel vor.

Obwohl es auch im Zillertal und in Nordtirol Graukäse gibt, darf sich nur der Ahrntaler „Presidio“ nennen. Der Grund: Ein Käse, der mit diesem Prädikat ausgezeichnet wird, muss aus Rohmilch gemacht sein und reift allein durch den Zusatz von saurer Milch oder Molke. Die Cousins aus Österreich aber werden industriell hergestellt: aus pasteurisierter Milch, mit künstlichen Reifungskulturen versetzt. „Das muss  nicht unbedingt schlecht sein“, sagt Martin. Er zuckt die Schultern. Aber was entstehe, sei halt eine Art Einheitskäse, die einzelnen Stücke austauschbar. Ahrntaler Graukäse ist Handarbeit. Und die Laiber aus einer Produktion so unterschiedlich wie die Weine eines Jahrgangs. Individuen.

Wenn Ernst auf der Kaserstatt im Mühlwaldtal Graukäse macht, hängt er einen Kupferkessel an einen Balken mit Eisenhaken, der über der Feuerstelle baumelt. Die Vorrichtung ist so alt wie die Hütte selbst: „200 Jahre sicher“, schätzt der Bauer. Zur Existenz der Hütte gibt es keine Urkunden. Genau, wie es kein verbindliches Rezept für Graukäse gibt. „Ich habe es mir bei meinem Vater abgeschaut“, sagt Ernst – wie alle 30 Produzenten im Ahrntal das Käsen von Eltern oder Verwandten gelernt haben. Wie eine Volkslegende haben die Menschen ihr Handwerk mündlich überliefert. Deshalb macht auch jeder seinen Graukäse ein bisschen anders: Der eine Senner erhitzt die Milch bis auf 60 Grad, ein anderer nur auf 40. Ernst Steiner hält 50 Grad für die richtige Temperatur, um aus der Sauermilch den Tschotten zu gewinnen, die quarkähnliche Masse, die schließlich zu Käse heranreift. Angeblich misst im ganzen Ahrntal nur ein Senner die Temperatur mit dem Thermometer. Andere tauchen Ellbogen oder Finger hinein und spüren, wann die Masse die richtige Hitze erreicht hat. Eine Bäuerin sagt, der Tschotten müsse „singen“, also quietschen, wenn sie ihn knetet. Erst dann könne sie ihn salzen, die Molke abseihen und die Masse in Käseformen füllen.

 2-Sterne-Koch Norbert Niederkofler macht den Graukäse mondän

Norbert Niederkofler ist Koch geworden, um etwas von der Welt zu sehen, sagt der 50-Jährige mit dem halblangen silbernen Haar. Und jetzt macht er den Graukäse mondän. In der grün gefliesten Küche seines 2-Sterne-Lokals St. Hubertus im Nobelhotel Rosa Alpina im Gadertal  sind fünfzehn Köche in weißen Kitteln beschäftigt. Sie verwandeln edle Zutaten in teure Gerichte: marinierte Pfifferlinge und Steinpilze mit Hirschfilet, Rinderfilet in Salzkruste mit Bergheu gegart, Tarte Tatin von Südtiroler Äpfeln. An einem Clipboard kleben Zettel mit offenen Bestellungen: Zweimal Lamm haben die Kellner notiert, zweimal Schwein, und zweimal Graukäse-Risotto – Niederkoflers jüngste Kreation. Das Rezept klingt vergleichsweise einfach: Reis wird in Weißwein gekocht, später kommen Parmesan und in Apfelessig geschmorte Zwiebeln dazu. „Und jetzt vergewaltigen wir den Graukäse“, sagt Niederkofler, der gebürtiger Ahrntaler ist. Damit meint er: Das Milchprodukt wird im Syphon, einem Küchengerät zur Herstellung von Sprühsahne, zu einem glänzenden Schaum gepresst und neben das Risotto gesprüht. Zum Schluss streut der Sternekoch Brotkrumen obendrauf. Fertig.

Niederkofler hat als Kind selbst auf der Alm das Käsen gelernt. Seine Kochphilosophie geht so: „Der Weg des Produkts von der Natur auf den Teller muss so kurz wie möglich sein.“ Molekularküche möge er nicht, „aus Respekt vor den Produkten“. Und das Ursprüngliche wolle er nicht künstlich verbiegen. Deshalb, sagt er, bestehe das Graukäse-Risotto ausschließlich aus den Zutaten, mit denen das Milchprodukt traditionell zubereitet werde: In rustikalen Ahrntaler Gasthöfen bekommt man bis heute einen Teller voll jungem Graukäse mit rohen Zwiebeln, Rotweinessig und Brot. „Ich habe dieses einfache Gericht nur auseinandergenommen und neu zusammengesetzt“, sagt Niederkofler.

Im St. Hubertus sitzen Abend für Abend wohlhabende Menschen aus aller Welt und führen Niederkoflers Risotto häppchenweise zum Mund. Serviert mit einem Wein namens Dolomytos, der auf einem Weingut kreiert wurde, dessen Besitzer 150 Rebsorten nach Prinzipien griechischer Mythologie anbaute, zeigt der Graukäse hier ein ganz anderes Gesicht als bei Ernst Steiner auf der Alm. Anders gesagt: Er hat es geschafft. Die Verwendung des Arme-Leute-Käses im Sternelokal ist ähnlich fantastisch wie der Aufstieg eines Mädchens aus einem Großstadt-Slum zum Filmstar. Kommt vor. Aber nicht häufig.

Man sollte dem Martin ein Denkmal setzen, sagen die Leute im Ahrntal. Denn dass der Graukäse sich jetzt wie ein berühmter Schauspieler vor Angeboten kaum retten kann, hat er dem Supermarktbesitzer aus Sand in Taufers zu verdanken. Plötzlich servieren ihn Köche in ganz Südtirol, der hässliche Laib ist attraktiv für das italienische Fernsehen und Martin Pirchers Kunden geworden. Bauern wie Ernst verkaufen ihn deshalb nicht mehr  für 3,50 Euro pro Kilo, sondern mindestens für neun. „Der Name Ahrntal ist heute ein Synonym für Graukäse“, sagt Martin. Doch die Bauern verkaufen ihn weiterhin nur in winzigen Mengen – unter der Hand. Denn weil ja nur zwei der 30 Produzenten im Ahrntal die Lizenz haben, damit Geschäfte zu machen, sind streng genommen auch die Plastikpackungen in Martin Pirchers Käsetheke illegal. Die Inspektoren übersehen sie aber, wenn sie den Supermarkt unter die Lupe nehmen. „Doch auf Dauer geht das nicht“, sagt Martin. Vom Todeskandidaten zum Illegalen – das Schicksal des Ahrntaler Graukäses hat sich gewandelt. Gerettet ist er noch nicht. „Im Jahr 2013 werden es zehn Jahre sein, seit wir das Presidio haben“, sagt Pircher. Dann werde er sich die Frage stellen, ob seine Aufgabe weiterhin einen Sinn hat – oder ob der Graukäse nicht mehr zu retten ist. „Wenn bis dahin ein junger Bauer, zum Beispiel ein Absolvent von der Fachhochschule für Landwirtschaft in Dietenheim, zu mir kommt und sagt: ‚Ich will mit dem Graukäse jetzt Geld verdienen und beantrage eine Lizenz’ “, sagt Martin, “dann wäre das für mich ein Erfolg auf ganzer Linie.“ Bisher hat sich noch keiner bei ihm gemeldet.

Graukäse, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

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Bio macht glücklich. Gut Kerschlach

“Die ökologische Landwirtschaft ist mein Lebenstraum”, sagt Werner Mützel, der seinen Tiere doppelt so viel Auslauf schenkt wie für einen zertifizierten Biobetrieb vorgeschrieben. Gut Kerschlach liegt zwischen Ammersee und Starnberger See und in allen Produkten findet sich der Respekt vor der Natur wieder.

Autor Karin Lochner, Fotos Peter von Felbert

Münchner Viktualienmarkt. Im Tölzer Kasladen gehen der Frischkäse und der Hopfenkäse von Gut Kerschlach weg wie warme Semmeln. Beide Käse schmeicheln dem Gaumen und hinterlassen angenehme Röstaromen. Frankfurt, ein schickes Büro. Die Geschäftsführerin kauft regelmäßig bei Manufactum. Schwärmt von der Leberpastete, die es dort gibt. Von Gut Kerschlach. Für so eine Rinderleberpastete lässt sie jede Schokolade stehen.

Alle schwärmen von den Produkten, doch was zeichnet das Gut Kerschlach aus? Auf dem ersten Blick ist es ein moderner Bauernhof zwischen Ammersee und Starnbergersee. 182 Hektar Landwirtschaft, 200 Hektar Forst, 300 Rinder, eine ökologische Milchviehhaltung mit 26 Fleck- und Braunkühen. Auch eine Mutterkuhherde der Murnau-Werdenfelser – eine vom Aussterben bedrohte Rasse – lebt hier. Doch das Anwesen zeigt auch Charme und Nostalgie: Kastanien säumen die Wege, die Weiden leuchten in sattem Sommergrün.

Obwohl viele Besucher zur Hofführung kommen, ist Gut Kerschlach weit entfernt von einem Erlebnispark.

Das gesamte Areal wurde bis in die 1990er Jahre von den Missions-Benediktinerinnen bewirtschaftet, weshalb Gut Kerschlach noch immer etwas Klosterhaftes und Weites hat. Mächtig thronen die Ställe und Wirtschaftsräume auf den oberbayerischen Hügeln, bieten den Tieren Raum und untereinander so viel Nähe, wie sie brauchen. Der Eber reibt sich erst genüsslich den Hintern an den Gitterstäben, dann wühlt er in der Erde. Nachts kuschelt er sich an seine drei Schwäbisch-Hällischen Sauen. Die 26 Ferkel in verschiedenen Wachstumsgraden laufen übermütig durch ihre Gehege. Ihre Ohren flattern wie Fahnen. Die ganz kleinen Ferkel sind so winzig, dass sie durch die Stäbe schlüpfen.

Gut Kerschlach, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

Gut Kerschlach betreibt die Landwirtschaft nach biologischen Grundsätzen. Die Tiere haben doppelt so viel Auslauf wie für einen ohnehin strengen Biobetrieb vorgeschrieben. So ein Anwesen legt man sich natürlich nicht aus der Portokasse zu. All das machten Werner Mützel erst seine Millionen möglich. Der Verleger hat sich mit Gut Kerschlach einen Traum erfüllt. Seine Großeltern mütterlicherseits waren Bauern in Unterfranken. Dort verbrachte der kleine Werner regelmäßig seine Schulferien. Dabei hat er die Liebe zur Natur, zu den Tieren und zur Landwirtschaft gefunden. Ökolandbau war zu den Zeiten seiner Großeltern noch nicht gefragt. Und doch kam Jahrzehnte später nichts anderes für Werner Mützel in Frage. So einfach ist das.

Im Kuhstall darf der Bulle – genau, wie es früher üblich war – noch richtig auf die Kühe.

Er macht den „Natursprung“, wenn die Hormone ihn überkommen, weil eine der vielen Kühe „rindert.“ Was für ein Unterschied zur Befruchtung mit den Pipetten von der Besamungsstation. Was für ein Gegensatz zu den „armen Schweinen“, die auf Betonspalten stehen. Die artgerechte Haltung, die paradiesischen Zustände für die Tiere schmeckt man auch. Der Käse, die Leberpastete, der Joghurt und die anderen Köstlichkeiten aus der eigenen Produktion, die man im Hofladen kaufen kann, entstehen mithilfe eines diplomierten Landwirts, eines talentierten Käsers, einer engagierten Melkmanagerin und einer Metzgerei, die durch ihre kurzen Wege vom Stall dorthin ein Minimum an Stress für die Tiere bedeutet.

Gut Kerschlach, 82396 Pähl, Mai bis Oktober: Hofführung an jedem ersten Samstag im Monat, 10-11.30 Uhr, die Teilnahme ist kostenlos. 

 

 

 

 

 

Delikates aus See und Meer. Dechants

Fischlokal und Laden von Peter Dechant wirken wie liebenswerte Puppenstuben. Beim Essen sitzen die Gäste im ehemaligen Wohnzimmer seiner Urgroßeltern, in einem der ältesten Gebäude Starnbergs, das der Ururgroßvater 1883 kaufte und damit das Fischereirecht erwarb. Peter Dechants beide Töchter und der kleine Sohn wachsen mit Skrei, Lotte und Matjes auf. Sie sind zu beneiden. Der Matjes kommt vom Lieferanten des Niederländischen Königshauses.

Von Karin Lochner, Fotos Peter von Felbert

Im Laden werden nicht nur einheimische Spezialitäten angeboten. Fein angerichtete Muscheln („Jahreszeit beachten!“), kubanische Langusten („fraglos die besten der Welt!“), Fischweißwürste („die san richtig gut, probieren Sie“), es ist alles zu haben, was einem Fischliebhaber das Herz aufgehen lässt. Peter Dechant zwinkert und verweist auf die üppige Fülle in der Auslage. Er hätte auch gerade einen 1 A Sashimi Thunfisch im Angebot. Nirgends kann man so gut mit einem Fachmann plaudern. Kann mit dem gelernten Fischereimeister über die Wasserqualität der bayerischen Seen reden. Und erfahren, dass die Renke der „Brotfisch“ ist, also das traditionelle Grundnahrungsmittel der Uferbewohner des Starnberger Sees. Natürlich kennt er alle Starnberger Fischerfamilien. Ob lokal oder weit weg, es ist ihm wichtig, seine Lieferanten persönlich zu kennen. Seine Firmenphilosophie: Lieber viele kleine Erzeuger mit regionalen Spezialitäten, als einige wenige Großhändler mit Einheitsware. Bald nach Eröffnung des Ladens machte er sich zum ersten Mal auf dem Weg nach Norden. Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Er reist regelmäßig, um mit seinen Lieferanten in Kontakt zu bleiben und neue Quellen zu entdecken. Die Nordischen Länder, sogar ihr raues Klima, hat er lieben gelernt. Für ihn gibt es nichts Schöneres, als die ganze deutsche Küste entlang, und dann weiter nach Norwegen zu fahren. Norwegischer Herkunft ist auch sein hausinterner Spitzenreiter, der Skrei. Ein gutes Stück Norwegische Kultur. Schon die Wikinger „waren ganz narrisch drauf“, lacht Peter Dechant. Besonders schön ist es, den Skrei vor Ort zu genießen. In Peter Dechants feinem Lokal. Mit kleinen Butterkartoffeln und sahnigem Wintergemüse. Nur acht Tische gibt es. Man sitzt zwischen dunklem Holz, vor nostalgischen Vertäfelungen und wird unaufdringlich, leise und fachkundig verwöhnt. Die aufmerksame Rosi bringt den perfekten Weißwein. So schaut Glück aus.

Dechants Fischladen, Hauptstraße 20, 83219 Starnberg, Telefon 08151-12106, www.dechants-fischladen.de

 

Hopfen aus der Hallertau: weltweit begehrt

Seit dem achtem Jahrhundert wird in der Hallertau Hopfen gepflanzt, das „grüne Gold“. Jede Brauerei der Welt braucht ihn, um dem Bier seine Seele zu geben. Unsere Foodhunter-Autorin Karin Lochner  hat mit Fotograf Peter von Felbert eine typische Familie aus der Hallertau besucht und ihr bei der Ernte über die Schulter geschaut.

Autor Karin Lochner, Fotos Peter von Felbert

Ein Tag im September, sechs Uhr morgens.Die Hopfenernte beginnt. Jetzt dreht sich alles um die 120.000 Hopfenstöcke der Familie Wittmann. Fünf verschiedene Sorten Hopfen baut Familie in Niederumelsdorf an. Heute wird der „Hersbrucker“ geerntet. Eine Hopfenart, die aufwändiger ist, als die anderen. Denn trotz der modernen Pflückmaschine bleibt immer ein Rest der wertvollen Ernte am Draht in sieben Meter Höhe hängen und muss einzeln mit der Hand gepflückt werden.

Der junge Hopfen wächst nur im Uhrzeigersinn nach oben. In 70 Tagen gut sieben Meter hoch. 

Hopfen braucht eine Rankhilfe. Bis in das 20. Jahrhundert verwendete man Hopfenstangen. Heute sind es Hopfengerüste mit sieben Meter hohen Masten, die an ihrem oberen Ende miteinander verbunden sind. Von den Verbunddrähten gehen die Rankhilfen, die „Aufleitdrähte“ zum Boden. Der junge Hopfen wächst nur im Uhrzeigersinn nach oben. Warum das so ist, weiß niemand. Nicht einmal Wissenschaftler können dieses Phänomen erklären. Es könnte mit der Erdbewegung zu tun haben. Falls ja, dann müsste Hopfen auf der südlichen Halbkugel in die andere Richtung nach oben wachsen. Doch südlich des Äquators gibt es keinen Hopfenanbau. Vater und Sohn reicht die Erfahrung, dass die ganze Mühe des Aufwickelns am nächsten Tag wiederholt werden muss, wenn einer der Erntehelfer versehentlich den jungen Hopfen entgegen dem Uhrzeigersinn um den Draht gedreht hat und sich die Pflanze dem Wachsen verweigert. Der Hopfen wächst in 70 Tagen sieben Meter hoch, bei guter Witterung bis zu 30 Zentimeter am Tag. So schnell wächst keine andere Pflanze in unseren Breitengraden.

Hopfen Hallertau, Foodhunter

Die Halletau ist mit 1.500 Hektar das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Ein Drittel der Welternte stammt aus Bayern. Und wiederum nur ein Drittel der jährlichen deutschen Erntemenge wird in Deutschland selbst verbraucht. Zwei Drittel werden in über 100 Länder der Welt exportiert. Besonders kleine amerikanische Brauer, sogenannte Craft Brewer sind verrückt nach Hallertauer Hopfen. Obwohl die Hauptkonkurrenz aus dem US-Anbaugebiet Yakima kommt. Dort werden in der Wüste mit künstlicher Bewässerung Hochleistungspflanzen gezogen. Doch das passt nicht zu den Craft Brewers. Deutsche Braukunst steht hoch im Kurs bei den amerikanischen Verbrauchern. Tatsächlich avancieren die Craft Brewers inzwischen zu Trendsettern der weltweiten Bier-Szene. Auch Familie Wittmann liefert Hopfen in die Vereinigten Staaten: die Sorte „Hallertauer“ geht an die „Boston Beer Company“.

Foto Foodhunter, Peter von Felbert

Im Mittelalter war Bierbrauen Frauensache und die Geheimrezepte gab die Mutter an die Tochter weiter. Da landeten auch mal Tollkirschen oder Bilsenkraut in der Sudpfanne und der Ehemann überlebte den Rausch nicht.

Das Reinheitsgebot ist das erste Lebensmittelgesetz der Welt. Nur Hopfen, Wasser und Malz gehören ins Bier, verfügte der Bayerische Herzog Wilhelm IV 1516 in Ingolstadt. Vorher wurde alles Mögliche ins Bier gepanscht und zum Gären gebracht. Im Mittelalter war Bierbrauen Frauensache und die Geheimrezepte gab die Mutter an die Tochter weiter. Da landeten auch mal Tollkirschen oder Bilsenkraut in der Sudpfanne und der Ehemann überlebte den Rausch nicht. Fortan ging das Braurecht meist an Männerklöster. Die hielten sich ans herzogliche Reinheitsgebot und hatten großes Interesse an frischem Bier, denn Bier bricht Fasten nicht. Durch die alleinige Verwendung von Gerste sollte der Weizen als Brotgetreide geschützt werden. Der Hopfen wiederum sicherte die Reinheit, denn er wirkt keimtötend und antibakteriell.

Der Alphagehalt bestimmt den Preis auf dem Weltmarkt

500 Inhaltsstoffe hat der Hopfen. Für den Hopfenbauern ist das Lupulin oder Alpha der wichtigste Inhaltsstoff. Der Alphagehalt bestimmt den Preis auf dem Weltmarkt. Lupulin ist die bittere gelbe Flüssigkeit aus den Fruchtkegeln der weiblichen Hopfenpflanze. Werden die Fruchtkegel getrocknet und abgesiebt, bleibt Lupulin zurück. Dieses Pulver ist leicht gelbbraun, harzig und mit Hanf verwandt. Die beruhigende Wirkung des Bieres kommt zum großen Teil daher. Aber auch die anderen Inhaltsstoffe wirken positiv auf den menschlichen Organismus. Je nach Hopfungsart können bis zu 30 Prozent  Polyphenole aus dem Hopfen im Bier vorkommen. Diese natürliche Antioxidantien kennt man vom Rotwein und dem grünem Tee. Früher wurden sie von Brauern eher als störend empfunden. Denn sie trüben das Bier und waren der Grund, warum Bier vor der Erfindung des Kühlschranks nicht lange haltbar war. Heute dagegen werben pfiffige Brauereien gerade mit ihrem naturtrüben, ungefilterten Bier.

Markus ist wieder vom Feld zurückgekehrt. Der polnische Erntehelfer steht breitbeinig in der Halle und hängt den Hopfen nacheinander auf eine Art Schlepplift. Eine Rebe nach der anderen fährt zur Pflückmaschine. Diese kämmt die Dolden aus den Reben. Abgerissene Blätter und Stängel werden in der Reinigung aussortiert, mit den Rebenresten zerkleinert und kompostiert. Schon während der Ernte wird dieser wertvolle organische Dünger nach einer 14-tägigen Gärung wieder auf die Felder gebracht, um den Böden zurückzugeben, was die Hopfenpflanze ihnen genommen hat. So wird ein natürlicher Nährstoffkreislauf gefördert.

Die gepflückten Dolden müssen zur Konservierung schnell von 80 Prozent  auf 10 Prozent Wassergehalt getrocknet werden. Dazu wird der Hopfen nacheinander auf eine Art Schlepplift gehängt. Eine Rebe nach der anderen fährt zur Pflückmaschine. Diese kämmt die Dolden aus den Reben. Abgerissene Blätter und Stängel werden in der Reinigung aussortiert, mit den Rebenresten zerkleinert und kompostiert. Danach müssen die abgepflückten Hopfendolden zügig in Förderbändern in die Darre, die Trocknungsanlage. Bei einer Temperatur von 62 bis 65 Grad ist es heiß wie in der Sauna. Was folgt ist das Vernähen der luftdicht verschlossenen Quader und das Aufkleben des Siegels für die amtliche Zertifizierung auf die Quader. Mit dem Siegel können alle Brauer der Welt die Herkunft des Hopfens, die Sorte und den Jahrgang bis Niederumelsdorf zurückverfolgen.

Deutsches Hopfenmuseum, Elsenheimerstraße 2, 85283 Wolnzach, Tel. 08442/7574, Di-So 10-17 Uhr. www.hopfenmuseum.de

“Birkensteiner Knödeleien”. Knödel mit Ingwer, Feta oder Pinienkernen!

„Meine Teilnehmer sind immer wieder überrascht, wie vielfältig dieser Klassiker sein kann.“ sagt Michaela Schmitz-Guggenbichler. Knödel in allen Variationen sind die Leidenschaft der 39-jährigen Hotelfachfrau. Interessierte Hobbyköche lädt sie zum Knödelseminar  ”Birkensteiner Knödeleien” in ihre Küche im Gasthof „Alte Bergmühle“ in Fischbachau ein.

Autor Karin Lochner, Foto Peter von Felbert

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Beherzt greifen die Hände in die Schüssel, kneten sich durch Semmelscheiben, Eier und Milch, bis der Teig kompakt ist. „So ist es genau richtig“, lobt Michaela Schmitz-Guggenbichler die Teilnehmer, deren Knödel auf Semmelbasis entstehen: Speck-, Spinat- und Kaspressknödel.

Schon beim Eintreten in die Wirtsküche haben sich die Hobbyköche um den Arbeitstisch entsprechend ihrer kulinarischen Vorlieben gruppiert. Edith aus Wessling geht zu den Aprikosen, Katrin übernimmt die Spinatknödel. Dieter aus München will exotische Knödel mit Ingwer zubereiten. Die anderen verweilen bei Vertrautem: Siglinde bei den Griesnockerln, Hans bei den Speckknödeln. Es gibt viele Arten, Knödel zuzubereiten und jeder kennt ein spezielles Rezept. „Von Omas frisch geriebenen Kartoffelknödel schwärmt meine ganze Familie.“ erzählt Dieter.

Knödel machen glücklich!

Michaela Schmitz-Guggenbichlers hat diese Erinnerung in ihr Berufsleben geholt und Knödel zu ihrer gastronomischen Spezialität erkoren. Es macht ihr Freude, das Armeleuteessen zu verfeinern und neue Varianten zu erfinden. So schlägt sie Katrin vor, die Spinatknödel mit kleingeschnittenen getrockneten Tomatenstückchen und Pinienkernen aufzupeppen und in der Mitte einen Fetawürfel zu platzieren. „Achtung!“ warnt sie: „Die Spinatblätter müssen noch viel stärker ausgedrückt werden.“ Sonst gelangt zuviel Flüssigkeit in die Masse und beim Kochen zerfällt der Kloß zu Brei.

Für alle Eventualitäten hat sie Tipps parat. Wenn der Knödel zu leicht ist, noch mehr Semmelbrösel in den Teig geben. Ist er zu fest, lockert ein Schuss Milch die Masse auf. Fällt er auseinander, hilft ein Ei. Am besten formt und kocht man einen Probeknödel. „Hand-Wellness“ lacht Michaela, als sie die „Semmelfraktion“ auffordert, nach jedem Knödel in die Schüssel mit warmen Wasser zu greifen. Dadurch wird die Handfläche griffiger.

Sind die Knödel auf Quarkbasis, brauchen die Hände zwischendurch ein wenig Mehl. Bei den Marillenknödeln legt Edith die Aprikosen auf ein rundes Teigstück und zieht mit den Fingern behutsam den Teig über die Frucht. Immer wieder bestäubt sie ihre Hände. Als der Teig reißt, rät Michaela, die Ränder mit den Fingerkuppen zusammenzudrücken, wie wenn man jemanden zwicken will. Nun klappt es und Ediths Knödelteig umschließt die Frucht perfekt.

Auch Dieters Mini-Knödel sind auf Quarkbasis und fein geschnittener Ingwer, Karotten, Muskat und hauchdünn geschnittene Petersilie geben die gewünscht pikante Note. Damit sie im Kochtopf mit dem simmernden Salzwasser nicht zusammenkleben, versetzt sie ihnen mit dem Kochlöffel einen leichten Schubs. Uta hat sich als einzige eine Knödelsorte ausgesucht, die nicht im heißen Wasser kochen wird. Kaspressknödel werden in Fett ausgebacken. Als Uta die Rohmasse formt wie ein Fleischpflanzerl, winkt Michaela ab. „Nur wenig drücken. Die runde Knödelform muss sichtbar bleiben.“

Foto Foodhunter, Peter von Felbert, Knödel

Nach einer guten Stunde sind die Knödel fertig und beim gemeinsamen Essen sind alle überrascht, wie leicht und „fluffig“ die Ingwerknödel schmecken. Sieben Knödel verspeist die bunte Truppe pro Kopf, zwei davon in einer Tafelspitzsuppe, drei als Haupt- und zwei als Nachspeise. Anfangs sind alle andächtig still. Dann gibt es Gelächter, als Weltraumforscherin Edith mit leuchtenden Augen feststellt: „Das ist kein Diätessen!“ Und die anderen daraufhin Knödel als Astronautennahrung vorschlagen. Keine schafft einen Nachschlag. Nach Schnaps und Espresso verteilt Michaela die Knödel-Diplome. Als die 73-jährige Lina ihres entgegennimmt, schwingt Stolz in ihrer Stimme: „Das war der erste Kochkurs meines Lebens. Ich muss sagen, Knödel machen glücklich.“

Gästehaus & Weinstube “Alte Bergmühle”, Familie Schmitz-Guggenbichler, Birkensteinstraße 60
83730 Fischbachau/Birkenstein

KNÖDEL-Seminar. Die Kunst der Knödelherstellung und Wissenswertes erfahren Sie bei Kochkurs “Birkensteiner Knödeleien”. Preis pro Person ab 35 Euro – je nachdem wie viele Gänge gekocht werden. Die nächsten Termine:

Mittwoch. 06. November 2013 – 16:00 Uhr
Donnerstag, 28. November 2013 – 16:00 Uhr

Donnerstag, 19. Dezember 2013 – 16:00 Uhr

Donnerstag, 16. Januar 2014 – 16:00 Uhr
Samstag, 25. Januar 2014 – 16:00 Uhr

Samstag, 01. Februar 2014 – 16:00 Uhr

Mittwoch, 12. Februar 2014 – 16:00 Uhr
Samstag, 15. Februar 2014 – 16:00 Uhr

Samstag, 08. März 2014 – 16:00 Uhr

Samstag, 05. April 2014 – 16:00 Uhr

Samstag, 24. Mai 2014 – 16:00 Uhr

Tel. 08028/732
www.bergmuehle-fischbachau.de

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