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Gent – Flanderns märchenhafte Kulisse

Brügge, Gent, Antwerpen. Wo sich im Sommer Millionen von Touristen durch die Gassen quetschen, herrscht im Winter eine melancholisch-schöne Stimmung. Chocolatiers sorgen für Seelenheil, die jungen wilden Köche für innovative Gaumenfreuden. Flandern ist ein traumhaftes Winterziel. Hier unsere Tipps für Gent.  
Autor und Fotos Sabine Ruhland 

Es ist winterlich kalt, 18 Uhr am Abend, doch die Lichterstadt Gent mit ihren Gildenhäusern erstrahlt in warmen Licht. Unser Taxiboot dümpelt erwartungsvoll am Steg Korenlei, warme rote Kuscheldecken liegen auf den Holzbänken bereit, auf den Tischen, hübsch dekoriert, Prosecco und Häppchen. Die Fahrt ist märchenhaft, sofern (Mütze, Handschuhe und  Schal nicht vergessen), führt entlang prächtiger, erleuchteter Baudenkmäler: St. Bavokathedrale, Belfried und St. Nikolauskirche, Gravensteen (die Burg der Grafen von Flandern), Prinsenhof (Geburtshaus Kaiser Karls V.), Fischmarkt und Fleischhalle aus längst vergangenen Zeiten. Nach 30 Minuten ist die Fahrt beendet. Wir frösteln. Ein bisschen auch vor Glück.Gent verdankt seinen Namen dem ‚selbst ernannten Kaiser’ Karl V., dessen Ziel es war, Paris wirtschaftlich „in den Handschuh (franz. Gant) zu stecken“, was heute so viel bedeutet wie ‚in die Tasche zu stecken’. Gent ist für Insider die schönste Stadt Flanderns, quirlig durch ihre Studenten, opulent ausgestattet mit einer geradezu „kathedralischen“ Kulisse und eine liebevolle Hartnäckigkeit pflegend: kein Schokoladen-Tourismus und alle Fassaden müssen erhalten bleiben, wer auch immer kaufen oder bauen will.

Volta, Gent. Foto Foodhunter

Volta, Gent. Foto Foodhunter

Genuss in einer Stahlfabrik: VOLTA

Auch einer der kulinarischen Hot-Spots der Stadt, das Volta, residiert in denkmalgeschütztem Ambiente. Das Restaurant hat sich eine ehemalige Stahlfabrik als Adresse erkoren. Stahlträger, Ziegelwände und 10 Meter hohe Decken kokettieren mit einer fast schon filigran wirkenden gläsernen Küche, einsehbar für alle Gäste. Statt heißen Stahlfeuern lodern die Pfannen, dampfen die Töpfe, doch kaum ein Geräusch ist zu vernehmen. Alle sieben Mann arbeiten routiniert und leise wie ein Uhrwerk. Chef ist Olly Ceulenaere, ein Foodie-Mitglied, jene Gruppe, die schon vor der Ära der jungen Wilden auf Top-Produkte und Top-Qualität setzte und es zugleich schaffte, Gourmets in Ekstase zu versetzen. Ollys breites Lachen ist ansteckend, er lässt seine wasserblauen Augen blitzen wie Opale. „Ich habe richtig Spaß an dem, was ich mache.“ Das ist Antrieb und Philosophie zugleich. Gute Produkte sucht und verwendet er, soviel wie möglich aus der Region, was schon die erste Vorspeise bekräftigt: Austern aus Grevelingen an der niederländischen Küste in Liaison mit hauchdünnen Radieschenscheiben. Der Meeresfrische folgt Leichtes – Frischkäse mit Pfifferlingen und Pampelmuse – sowie Erdiges in Form von halbfestem Eidotter mit Spinat, exzellent angerichtet auf einem hauchzarten Kräuterspiegel. Das Hauptgericht nennt sich Hase „Royale“. Der Name sagt alles. Royale Kochkunst haben auch wir hier erleben dürfen.

Olly, Chef des Volta in gent. Foto Foodhunter

Die besten Adressen in Gent

  • DE BOOTJES VAN GENT / Grachtenfahrt (alle Sprachen) mit Aperitif oder anderen Schmankerl. Tel. +32/9/2291716 oder +32/9/2286263. www.debootjesvangent.be
  • Restaurant VOLTA, Nieuwe Wandeling 2b, 9000 Gent, Tel. +32(0)9/3240500. www.volta-gent.be
  • PETITE NORMANDIE. Den besten Käse weit und breit gibt es hier, frisches Brot – einfach ein Traumladen in einer Gasse, die ohnehin den kulinarischen Genüssen gewidmet ist. Donkersteeg 21, 9000 Gent
  • HÔTEL DE FLANDRE. Zwei Postwagenstationen wurden restauriert und in ein Hôtel de Charme verwandelt. Perfekt gelegen, nahe Kornmarkt, Graslei und Burg Grafenstein. Poel 1-2, 9000 Gent, Tel. +32(0)9/2660600. www.hoteldeflandre.be
  • THE HOUSE OF ELIOTT. Überladene Schatzkiste, die sich an den „swinging 20er Jahren* orientiert. Viel zu sehen, gute Küche. Im Sommer Terrasse mit Blick auf den Kanal. Jan Breydelstraat 36, 9000 Gent, Tel. +39(0)9/2252128. www.thehouseofeliott.be
  • SANDTON GRAND HOTEL REYLOFES besitzt das Ambiente eines jahrhundertealten Grand Hotels und ist doch erst anderthalb Jahre alt. Das Hotel liegt fünf Gehminuten vom Zentrum entfernt, bietet Weitläufigkeit, Champagnerbar, Restaurant, Innenhof und Wellnessbereich. Hoogstraat 36, 9000 gent. www.sandton.eu
  • TEMMERMANN bietet die besten Süßwaren der Stadt. Bunte Bonbons und Karamell zieren Gläser und Regale der historischen Zuckerbäckerei. Gefertigt wird nach überlieferten Original-Rezepten. unbedingt kaufen: Cuberdons, denn hier gibt es die echten, auch als „neuskes“ (näschen) bezeichnet.  Außen matt-samtig, innen himbeersüß und geleeartig. ein „nicht-davon-lassen-können“-Geschmackserlebnis. Kraanlei 79, 9000 Gent

Gent, Foto Foodhunter

  • “Ich hole einen Tierenteyn“, heißt es in Gent, wenn jemand Senf kaufen will. Gefertigt wird er in der Senffabrik nach einer Rezeptur von 1818, aus schwarzem Senf, Essig und Wasser und ist von einer milden Schärfe. Da der Senf immer frisch ist, wird er vor Ort in Gläser oder Tontöpfe gefüllt, die Produktion ist auf kleine Mengen reduziert, einen online-Shop gibt es nicht. Ein „Tierenteyn“ hält sich im Kühlschrank 2-3 Wochen. Groentemarkt 3, 9000 Gent.  www.tierenteyn.be
  • Die “Frieten”. Einmal müssen sie sein. Tradition sind Imbisse in steinernen Häuschen, von denen es nicht mehr viele gibt. Am Overzet 16 mitten in Gent residiert noch eine der ultimativen Frittenbuden. Lassen Sie sich von dem Geruch nicht abschrecken, sondern probieren Sie einfach mal eine Portion. Unser Tipp: statt Mayonnaise oder Ketchup “Andalouse” als Soße wählen. SNACKS MESSIAEN. Overzet 16, 9000 Gent.

Gent, Foto Foodhunter

 

 


Antwerpen – Seppe Nobels und das Graanmarkt

Flandern ist eine der drei Regionen des Königreichs Belgien. Typische Küche? Moules frites – Miesmuscheln mit Pommes frites. Dass es auch etwas raffinierter geht, haben Seppe Nobels aus Antwerpen und sein Kollege gezeigt. Sie waren für einen Abend die Küchenherren in der Kounge von Holger Stromberg. Und danach waren wir neugierig und besuchten Seppe in Antwerpen.

Autor und Fotos Sabine Ruhland

Sieben Uhr morgens in Ranst, am östlichen Rand Antwerpens. Seppe Nobels greift zum Spaten und stapft übers Feld. Wie seine Kollegen hat auch er einen Lieferanten, den er gerne selbst besucht: Sanguisorba, Kräuter und vergessene Gemüse. „Oft entdecke ich einen Stängel, der beim letzten Mal nicht da war. Oder eine neue Blüte an einem nicht geernteten Kraut, die sich als köstlich erweist. Damit experimentiere ich in der Küche“, sagt er, bückt sich und zieht einige Rübchen und süßwürzige Pastinaken aus der Erde, zupft wilden Thymian und Pimpernelle. Was er aus den Zutaten bereitet, zeigt er uns in seinem Restaurant in Antwerpen, Seppe Nobels ist Chef des Graanmarkt am gleichnamigen Platz. Er mag Innereien, alte Gemüsesorten, Krustentiere und französische Küche. Manchmal spielt er mit Extremen, kombiniert Schweinefüße mit Nudeln oder Schweinsohren mit Langusten. Wir bekommen eine Jakobsmuschel mit zarter Blutwurst, die so fein ist, dass sie der Edelmuschel nichts von ihrer Eleganz stiehlt. Der Mini-Eintopf mit Winter-Gemüsen, schön knackig und voller Geschmack, ist pures Soulfood. Gerne hätten wir einen Nachschlag verlangt. Zum Hauptgang Rebhuhn mit Topinambur und einer roten Portweinsoße, die wohlweislich extra angeboten wird, weil sie extrem gehaltvoll ist. Das Pomelo-Sorbet mit einer zitonig-leichten ‚Creme catalan’ ist der krönende Abschluss eines herrlichen Abends.Gerade mal 30 Jahre ist Seppe Nobels (links) und hat bereits je drei Jahre Kochkunst in Italien und an der Cote d’Azur hinter sich, wurde  2005 “bester Nachwuchskoch  Belgiens” und führt das Graanmarkt 13 in Antwerpen. Eigene Kräuter züchtet er, setzt bevorzugt auf regionale Produkte, liebt Frische und Leichtigkeit und erhebt somit die französische Küche  in die Neuzeit. Einen Stern im Guide Michelin gab es noch nicht, “aber eine Erwähnung”, schmunzelt er. Uns er hat er mit einigen ungewöhnlichen Kreationen überrascht.

www.nobelsdining.be

Graanmarkt, Foto Foodhunter

Das war auch in der Kounge von Holger Stromberg schon so:

Auster à la Seppe Nobels. Foto Foodhunter

Auster mit dreierlei Rettich, serviert auf einem kleinen Salzbrocken. Meerrettich, Radi und Radieschen gaben dem Salzigen der Auster einen Extra-Kick.

Makrele à la Seppe Nobels. Foto Foodhunter

Makrele in ihrem Kaviar. Der Fisch hatte nichts Traniges, war wunderbar von der Konsistenz und holte sich die geschmackliche Frische von Apfelspänen und einem hervorragenden Dip, gemacht aus Soja und einem Kräuterlikör.

Muscheln in Fenchelschaum. Foto Foodhunter

Sieht einfach aus, schmeckte aber absolut vorzüglich. Muschelsuppe mit einem Schaum von Fenchel und Strauchtomaten. Soul-Food. Gerne mehr davon!!

Tatar vom Blauweißen Belgier.Foto Foodhunter

Das Tatar vom Blauweißen Belgier (belgische Rinderrasse) war breit genug geschnitten, um vollen Geschmack zu schenken. Dazu gnadenlos gute Frites und ein Sorbet von sehr sauren Belgian Pickles (eine abgewandelte Form der mixed Pickles).

Hummer in einem Bett aus frischem Thymian. Foto Foodhunter

Da wir keine Freunde von “Surf and turf”  sind, sondern die einzelnen Produkte gerne für sich sprechen lassen, war uns die Komposition von Schweinepfötchen und Nordseeummer auf jungem Porree “zuviel des Guten”. Ansonsten an Frische kaum zu toppen.