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Weinviertel. Kellergassen, Wein und Feste.

Das Weinviertel ist im tourismuserprobten Österreich noch ein Geheimtipp. Durch jahrzehntelange Abgeschiedenheit am Rande des Eisernen Vorhangs tickt es anders. Die Herbstsonne scheint länger. Der Wein schmeckt pfeffrig. Die Natur ist unberührt. Die Landwirtschaft prägt Land und Leute. Jetzt fällt der Vorhang.

Autor Karin Lochner,  Fotos Peter von Felbert

Die Luft ist frisch und würzig. Wiesen, Kartoffeläcker und unzählige Weingärten zeichnen das Landschaftsbild. Dazwischen leuchten Gerstenfelder und Pyramiden aus Kürbissen.    Ein Traktor knattert vorbei.  Ein Weinbauer stützt sich auf ein riesiges Fass, hinter ihm Weinberge wie wogende Wellen. Die Abendsonne scheint auf den rauen Putz seines Presshauses. Auf dem Tisch davor stehen ein paar Gläser Wein, auf die wir mit einem „Hobds an Durscht?“ eingeladen werden. Wir sind in den Kellergassen des Weinviertels, dem größten Weingarten Österreichs.

In dieser fruchtbaren Region wird auf mehr als 16.000 Hektar Fläche ein Drittel der österreichischen Weine gekeltert. Die malerischen Kellergassen haben eine lange Tradition, schon im 19. Jahrhundert durften Bauern ihren eigenen Wein herstellen. So entstanden Weinkeller und Presshäuser, aus Lehmziegeln gebaut, grob verputzt, fast ohne Tageslicht. Die konstant auf 12 Grad gekühlten,dunklen Gebäude erwiesen sich als ideale Lagerstätten für Wein, Obst und Gemüse.

Über 1100 Kellergassen mit Presshäusern gibt es im Weinviertel. Ihre Bedeutung als Lagerorte von Feldfrüchten und Produktionsstätten von Wein war enorm. In den Gebäuden wohnt niemand. Trotzdem gibt es Lebendigkeit und Lachen in allen Gassen. Anlässe, um zusammenzukommen gibt es genug. Schließlich kann man immer den letzten Jahrgang verkosten. Zu den Unikaten unter den Weinkellern gehören das Kellerlabyrinth der Familie Umschaid in Herrenbaumgarten und der Retzer Erlebniskeller, der größte Keller Mitteleuropas. Sein Röhrensystem reicht zurück bis ins Jahr 1297. Es ist insgesamt 21 Kilometer lang und liegt bis zu 25 Meter tief unter der Erde. Speziell geschulte Kellergassenführer bieten dort ihre Dienste an.

Weinviertel, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

Wer das Weinviertel besucht, kommt um den Grünen Veltliner nicht herum. Was dem Franzosen sein AOC und dem Italiener dein DOC, ist dem Weinviertler sein DAC.  Nur der für die Region typische pfeffrige Grüne Veltliner mit trockenem, würzig-fruchtigem Geschmacksprofil darf die Herkunftsbezeichnung „Weinviertel DAC“ am Etikett tragen, was für „Districtus Austriae Controllatus“ steht. Es gibt wenige Weine, die so sehr zur Visitenkarte ihres Anbaugebietes geworden sind. Der Wein mit dem „Pfefferl“ ist Österreichs größte und erfolgreichste Herkunftsmarke in der Weinwelt. Der Alkoholgehalt muss mindestens 12 Vol % betragen. Er darf erst ab 1. März des auf die Ernte folgenden Jahres ausgeschenkt werden.

Nicht nur die Weinkarte lockt im Herbst ins Weinviertel. Die vielen Sonnenstunden machen  die Früchte süß und das Gemüse geschmackvoll. In den Wäldern der Talsenken und an den Hügelspitzen finden Wildschweine, Rehe und Wildhasen ideale Lebensbedingungen. „Das typische Weinviertler Gericht gibt es jedoch nicht.“ erklärt uns Emmerich Haymer und schiebt das Brotzeitbrett mit dem kalten Braten, den „Paradeisern“ und dem frisch gerissenen Kren näher zu uns herüber. Viele alte Kartoffelsorten, „Erdäpfel“, kerniges Getreide für kräftiges Schwarzbrot, zartes Schwein, frisches Wild, aromatische Zwiebel sind das ganze Jahr über verfügbar. Wenn nicht frisch vom Acker, dann aus dem Lager in der Kellergasse. Auf der Speisekarte finden sich böhmische Elemente genauso wie wienerische, ungarische oder mediterrane. Das Besondere dieser Küche und ihrer Köche ist ihre Bodenständigkeit, die man anderswo als Slow Food bezeichnen würde. Aus einem deftigen Blunzn Gröstl kann eine saftige Blunzn Lasagne auf Weißweinkraut werden, aus einem Kürbisgulasch ein fein-fruchtiges Hokkaido-Risotto. Der „Bluza“, wie der Kürbis hier genannt wird, hat sich in den letzten Jahren vom einstigen Armengericht zur kulinarischen Köstlichkeit entwickelt.

Im Weinviertel wirken viele preisgekrönte Haubenköche. Sie servieren feine und althergebrachte Gerichte aus Zutaten, die der Boden hervorbringt. Erfreulich ist die Tendenz zu naturbelassenen, biologischen Zutaten, wie bei der Laaer Zwiebelsuppe, dem Gröstl vom Nexinger Karpfen, den Wangerl vom Bio-Weiderind mit Bohnen. Wer es bodenständig mag, freut sich über die ländliche Wirtshauskultur. Zwiebelspezialitäten und Wildkräuter gibt es ebenso, wie die böhmische Küche mit Gans- oder Wildbret-Gerichten. Auf einfachen Holztischen servieren die Wirte Blunzengröstl (Blutwurst mit Beilagen geröstet), Bohnen mit Kürbiskernöl, Verhackertes, G‘selchtes oder laden zum Bluza-Fest. Genießen ohne Berührungsängste kann man auch bei den meisten Weinbauern. Möglich ist die Einkehr bei hunderten Winzern, in Heurigen und Vinotheken entlang der 400 km langen „Weinstraße Weinviertel“. Mit der Poysdorfer Vinothek Wino haben sich Erich Schreiber und Hermann Schuckert ihren Lebenstraum erfüllt. „Denn das Weinviertel ist die Region in Österreichs Weinlandschaft, die aus unserer Sicht zu Unrecht unterschätzt wird“, bedauert Erich Schreiber.

Weinviertel, Foto Foodhunter, Peter von Felbert

FOODHUNTER-INFOS UND TIPPS

Das Weinviertel ist Österreichs nordöstlichste Urlaubsregion, die sich von Wien bis zur tschechischen Grenze erstreckt. Man erreicht sie von Deutschland aus entweder über Salzburg oder über Passau auf der A1 (Westautobahn) Richtung Wien. Man verlässt diese bei St. Christophen und folgt der B 19 Richtung Stockerau und Korneuburg. Vor Korneuburg auf die S 5 und anschließend auf die A 5 Richtung Poysdorf. Die reine Fahrtzeit mit dem Auto beträgt von München bis ins Herz des Weinviertels rund 5,5 Stunden. www.weinviertel.at

Die acht Weinviertler Spitzenrestaurants sind: Gasthaus Martin Weiler in Laa an der Thaya, Retzbacherhof in Unterretzbach, Gasthaus Goldenes Bründl in Oberrohrbach, Gasthaus Zur Alten Schule in Riedenthal, Gasthaus zum Grünen Baum in Zistersdorf, Restaurant Zur Linde in Mistelbach, Wagners Wirtshaus in Hollabrunn und das Landgasthaus Winkelhofer in Eggendorf am Wald.

Im  Oktober steht Obermarkersdorf im Zeichen des Kürbisses. Alles dreht sich um die größte Beere der Welt, um den Bluza, wie der Kürbis liebevoll im Volksmund genannt wird. In den Häusern und auf den Plätzen werden kulinarische Spezialitäten der Region und Köstlichkeiten rund um den Kürbis angeboten. www.kuerbisfest.at

In Loosdorf dreht sich im Oktober alles um die kleinen Beeren. Im Biobeerengarten der Familie Hummel kann man feine Produkte aus Beeren, wie den „Himbeersturm“ (ein Federweißer) verkosten oder die Beeren auf dem Feld selber pflücken. Ab Mitte September sind Kiwis, Physalis und Goji Beeren reif. Alle Früchte können natürlich auch erntefrisch im Hofladen erworben werden, genauso wie Kompotte, Marmeladen, Sirup, Essig, Dessertweine, Liköre und Brände. Seit Jahren bekommt Familie Hummel Prämierungen für ihre Beerenspezialitäten. www.biobeerengarten.at