Kategorie-Archiv: Kolumne

“Ich bin doch nicht blöd.” Werde aber für dumm verkauft.

Wir vertrauen auf Menschen und Institutionen, deren Absichten wir nicht kennen und geben dabei etwas Wichtiges ab: unseren gesunden Menschenverstand, unser Urteilsvermögen und die Entscheidungsherrschaft. Was auf unseren Tellern landet, bestimmen Politiker und eine raffgierige Lebensmittelindustrie.

Autor Sabine Ruhland, Editorial im Foodhunter-Magazin 2011

Wir leben in einer Welt der Deklarationen, Verordnungen, Reglementierungen. Alles wird überwacht, kontrolliert, bürokratisiert. Das gibt ein gutes Gefühl, denn es kümmert sich jemand. Nur wer genau?

Neulich sah ich einen Bericht über „Vollei“ und muss zugeben, der Begriff war mir fremd. In erster Linie klingt das hübsch, vollwertig, gesund, human. Dahinter steckt der blanke Hohn, denn während wir voller Überzeugung zum deklarierten Bio-Frühstücksei greifen, glücklich, den Hühnern wieder mehr Respekt zu zollen, landen neun Milliarden Eier aus dem europäischen Ausland jedes Jahr in deutschen Supermärkten, Lebensmittelfabriken und Bäckereien, als Vollei. Noch sind im europäischen Ausland Legebatterien erlaubt und werden im großen Stil betrieben. – An der Grenze wird nicht danach gefragt, wo ein Ei herkommt.

So sind mehr als ein Drittel aller Eier, die wir essen, versteckt in Fertigprodukten, Nudeln, Backwaren, Keksen, Spätzle, Milchprodukten, überwiegend Eier aus einer Produktion, die ein Großteil der Bundesbürger ablehnt. 2012 sollte sich das für die EU ändern, aber die Welt ist ja groß.

Es ärgert mich, dass wir Konsumenten täglich ungestraft belügt werden dürfen, von offizieller, politischer Seite völlig uneingeschränkt. Packungen werben mit dicken Fruchtstücken, obwohl ihr Inhalt nur das winzige Stück einer halben Erdbeere preisgibt. Da steht legal Heringssalat im Regal, in dem offiziell nur 20 Prozent Hering drinstecken müssen, der Rest darf gerne auch Rindfleisch sein und selbstverständlich braucht Fruchtkremfüllung gar keine Früchte.

Es gilt nur, die richtige Worte für den Beschiss zu finden, dann ist es einfach keiner mehr. Dazu kommen Berge von untergejubeltem Analogkäse, Klebefleisch und falschen Garnelen und schließlich Inhaltsangaben, die im wahrsten Sinne des Wortes so „klein geschrieben“ sind, dass ich ohne Lupe keinen Supermarkt betreten kann.

Diese unerträgliche Entwicklung lässt Erinnerungen wach werden, an „soylent green“, jenem Sience Fiction aus dem Jahr 1973, der meine Wahrnehmung bis heute prägt. Spielt man diesen Stoff weiter, tauchen Fantasien auf, die kaum jemand zu denken wagt. Manipulation mit Essen. Wo fängt es an, wo führt es hin, wo hört es auf.

Sabine Ruhland

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter

Tipp: NDR “Die größten Verkaufslügen” - Wie Kunden getäuscht, manipuliert und abkassiert werden. 

 

Alles so schön lecker hier

Ich habe mitgezählt. 28 Mal. In 45 Minuten Fernsehprogramm. „Lecker“. Der Joghurt. Die Schnitte. Das Fertiggericht. Zigfach ausgesprochen von Werbung und modernen TV-Köchen. Noch öfter von unbedarften Hobbyköchen in Kochshows. Dieses kleine Wort spricht Bände, denn es zeigt, dass Essen nur noch plakativen Unterhaltungswert besitzt.

Egal, ob einer zaubert oder hinrotzt, ob es ein Billigmahl oder Sterneküche ist. Alles so schön lecker hier. Mit Bedauern sehe ich manchen Spitzenkoch, dem einst meine Hochachtung galt, sich windend in allen diesen Kochsendungen. Ein Lecker-Kerlchen ist er geworden. „Dank der Sendungen kochen die Leute mehr, legen gesteigerten Wert auf gutes Essen und gute Produkte“, heißt es. Kaum. Ich kenne leidenschaftliche Zuseher, die außer der Zubereitung von Tütensuppen nichts beherrschen, aber regelmäßig bei Schuhbeck, Lanz, Lafer & Co reinschauen.

Statt Wertschätzung fürs Essen zu gewinnen oder verstärkt auf Qualität zu pochen, steigt der Absatz von Tiefkühlkost. Und was mir Gemüsehändler inzwischen als saftige Himbeeren verkaufen, kann nur demjenigen schmecken, der nicht wie ich einer Generation angehört, die noch weiß, wie Himbeeren wild vom Strauch schmecken müssen. Saft- und kraftlos sind Obst und Gemüse zuweilen geworden, ja selbst der hochgelobte Spargel lässt gerne sein charakteristisches Konzentrat vermissen, kommt geschmacklich so blass daher wie seine perfekte Farbe bereits suggeriert.

Da nutzt es dann auch wenig, dass Köche sich telegen und trendbewusst auf unsere Kinderchen stürzen und ihnen guten Geschmack beibringen wollen. Es fehlt die Masse an guten Grundprodukten und der Sinn für Selbige seitens kompetenter Verbraucher.

Probieren, Experimentieren, Kombinieren und kritisches Konsumieren ist das Maß aller Dinge. Je mehr der Mensch weiß, desto besser kann er urteilen. Seit wir für foodhunter intensiver noch als früher unsere Gaumen schulen, merken wir mit Entsetzen, was uns wirklich oftmals vorgesetzt wird. Fade. Fantasielos. Dafür teuer. Aber, was soll’s. Selbst wenn es uns nicht schmeckt, am Nebentisch sagt sicher einer „war lecker“.

Sabine Ruhland (Herausgeberin)

Der Text ist erschienen in der Foodhunter Ausgabe 06 / Juni 2011. das Copyright liegt beim Verlag.

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter

Ansprüche kann nur stellen, wer sie auch an sich selber hat

In Paris macht eine amerikanische Burgerkette die besten Umsätze. Erschreckende Tendenz. Umso wichtiger scheint es, dass die französische Küche zum immateriellen Weltkulturerbe erhoben wurde. Denn damit verbunden sind nicht nur Produkte und Zubereitung, sondern auch die Art, das Essen zu zelebrieren, zu genießen und wertzuschätzen.

Doch ein Kulturgut ist nicht nur landestypisch, es ist vor allem individuell, zumindest beim Essen. Fest verwurzelt mit den Küchen unsere Mütter und Großmütter, mit der Art wie Familien zum Essen zusammenkommen.

Schnell im Stehen, eine aufgetaute Pizza oder eine Miracoli-Fertigpackung nach der Schule? Das gab’s auch in meiner Kindheit. Manchmal. Aber es gab mehr noch die von Hand geformten Griesnockerl, selbst gemachte Hühnerbrühe, Knödel nach Familienrezept, die rösche Ente, dann wieder deftige Eintöpfe oder feines Meerestiere, mal einen geräucherten Aal oder italienische Nudelfreuden mit viel Knoblauch und frisch zubereiteter Tomatensoße. Meine Familie war mindestens einmal am Tag gemeinsam am Tisch, ging in feine Restaurants ebenso wie in urige Weinstuben und gekocht hat mein Vater anders als meine Mutter oder meine Oma. Waren wir im Urlaub,wurde erst einmal ein Markt gesucht. Wir liebten Ferienhäuser und selber kochen und meist war eine befreundete Familie dabei. Vielleicht kann ich deshalb Hotelbuffets heute noch nicht leiden, hasse “all-inklusive”, mag meinen Kaffee nicht aus Pappbechern, liebe Entdeckungen auf Märkten und koche lieber selbst als in mittelmäßigen Restaurants Geld auszugeben.

Meine Familie und meine Kindheit sind mein Kulturgut. Grenzübergreifend. Unbezahlbar.

Die viel bejammerte neue Ess-Kultur mit Fast-Food, Coffea to go und geklebtem Fleisch wird nicht von außen gemacht, sie kommt vom faulen Esser selbst, der lieber Politik oder den Einheitsbrei „Gesellschaft“ dafür verantwortlich macht. Keine Zeit für ‘Essen kochen’, heißt es als Entschuldigung. Für was dann? Ein Stunde mehr Computer oder Fernsehen, TV-Kochshows womöglich? Ein Stunde länger arbeiten?

Und selbst wenn es unter der Woche Pizza gibt, darf’s am Wochenende ruhig mal Sushi oder Sterneküche sein. Wichtig ist nur, alles zu kennen und alles einmal probiert zu haben, um Ansprüche stellen zu können und nicht im Einheitsbrei unterzugehen. Unsere Japan-Geschichte hat ein junger Koch gemacht und sein ganzes Erspartes verpulvert. Für gutes Essen. Das vom ihm ersehnte Auto muss moch warten.

Sabine Ruhland (Herausgeberin)

Der Text ist erschienen in der Foodhunter Ausgabe 05 / März 2011, Themen waren u.a.  Japan und Sterneköche. Das Copyright liegt beim Verlag.

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter

Wahrer Genuss muss erarbeitet werden

Das Wörtchen Genuss hat Hochkonjunktur. Doch ursprünglich war Genuss etwas, dessen „Savoir-vivre“ (Gewusst-wie) sich jeder mühevoll erarbeiten musste. Internationale Spezialitäten waren nicht überall und nicht für jedermann vorhanden, es erforderte einen besonderen Lebensstil, eine besondere geistige Haltung, nicht selten Fremdsprachenkenntnis und den überlegten Einsatz finanzieller Mittel, um ein Gourmet zu werden.

Autor Sabine Ruhland

Gehe ich einmal im Monat in ein exquisites Restaurant oder besuche ich lieber häufiger eine mittelmäßige Adresse? Schlendere ich im Urlaubsort über den Markt und koste Fremdes oder reicht mir das standardisierte All-inklusive-Buffet im Hotel?

Heute scheint Genuss in allen Bereichen für jedermann zugänglich und bezahlbar zu sein, Genuss wurde demokratisiert, industrialisiert und damit inflationär. Delikatessen gibt es inzwischen selbst im Discounter auf der grünen Wiese. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass weniger mehr ist, dass gesteigerter Konsum Genuss ausschließt, denn Quantität schlägt nie in Qualität um. Eine gewisse Askese ist daher, was viele nicht wahrhaben wollen, genusssteigernd. – Ebenso wie Erfahrung, denn geschmackliche Differenzierung kommt nicht von alleine, sie muss erlernt werden.

Umso mehr freut es uns, dass wir Leser haben, die das ebenso sehen, die in der Tat Leser sind und nicht nur Bildergucker, sich nicht mit den „Ich liege am Strand, über mir der blaue Himmel, alles so lecker hier-Reportagen” begnügen, die keine PR-Werbetexte wollen, sondern sich Zeit nehmen, um neue Genüsse und Delikatessen kennenzulernen, Inspirationen aufzunehmen.

Herzlich willkommen bei FOODHUNTER

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter

 

 

Essen lebt von Leidenschaft, denn kein Produkt kommt aus dem Nichts.

Welch ein Erfolg war sie doch, die Erstausgabe, gelobt von allen Seiten, eine Orchidee im Blätterwald. Dazu fantasievolle Leserbriefe und Herausgeber, die geradezu strotzenvor Eitelkeit. Das ersparen wir Ihnen an dieser Stelle, obwohl es für jedes Editorial einer Zweitausgabe obligatorisch zu sein scheint. foodhunter ist anders.

Wir nehmen uns selbst weniger wichtig, nicht das Magazin in all seiner Opulenz macht es, sondern der Inhalt. Und der wiederum besteht aus Geschichten, aus entdeckten und gerne verfassten Geschichten. Welcher Redakteur fährt schon im strömenden Regen nach Niederbayern, um auf einer tierisch gut gedüngten Wiese schnaubende Rindviecher zu fotografieren, weil ihm der Batzen Fleisch in der Kühltheke als Recherchematerial nicht reicht? Oder trinkt Wein im 350 Kilometer entfernten Weingut statt sich ein paar Musterflaschen schicken zu lassen und sie im Münchner Biergarten zu köpfen? Das tut, wer leidenschaftlich auf der Jagd ist – nicht nur nach Information, sondern nach den Menschen, die hinter einem Produkt stehen, nach Werten, Kreativität und Können. Einzig auf diese Art lassen sich Entdeckungen machen, die nicht nur den Magen, sondern auch die Seele füllen.

Also hoffen wir, dass Sie an dieser Ausgabe die gleiche Freude haben wie an der ersten, foodhunter nicht nur dekorativ auf einem Sideboard platzieren, sondern immer wieder darin schmökern.

Wie hat uns ein renommierter Münchner Gastronom geschrieben: Die Artikel sind außergewöhnlich und der Schreibstil hat eine kreative aber auch kunstvolle Note. Als Gastronom erwartet mich ein Überangebot von Artikeln aus anderen Zeitschriften, die sehr steril verfasst sind. Der Grund, weshalb wir uns alle aber gerne mit Speisen und Getränken umgeben, ist der Genuss und den möchte ich spüren, wenn ich über Kulinarisches lese. Bitte bleiben Sie Ihrer Linie treu.“

Das soll es auch schon mit dem Lob gewesen sein, wenngleich wir einige Seiten mit wunderbaren Zuschriften und lobenden Worten füllen könnten, für die wir uns an dieser Stelle ganz besonders bedanken möchten!

Sabine Ruhland (Herausgeberin)

Der Text ist erschienen im Magazin foodhunter 02/ Ausgabe Juni 2010. Das Copyright liegt beim Verlag.

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter

Eine gute Küche ist das Fundament allen Glücks. (Auguste Escoffier)

Kaum etwas verbindet Menschen schneller und nachhaltiger als die Leidenschaft für gutes Essen. Auch wir lieben Essen, die Suche nach wunderbaren Lebensmitteln und Produkten, den Bummel über Bauernmärkte und durch exklusive Lebensmittelabteilungen,das Fachsimpeln mit Köchen und Experten, das Ausprobieren außergewöhnlicher Rezepte und Zutaten.

foodhunter ist das Genussmagazin für alle, denen Essen mehr bedeutet als schlichte Nahrungsaufnahme, die einen hausgemachten Apfelstrudel auf der Alm ebenso schätzen wie die Küche der Sterneinhaber, die lieber weniger und dafür besser essen, die wissen wollen, wo etwas herkommt und wer dafür verantwortlich ist.

Gehen Sie mit foodhunter auf eine Entdeckungsreise durch die Welt des Genusses. Wir präsentieren Ihnen die unterschiedlichsten Restaurants und Einkaufsadressen, Rezepte der Chefköche, suchen nach Qualität oder besonderen Produkten, präsentieren Veranstaltungen rund um Essen, Trinken und Genießen. Und machen Ihnen Lust, mal wieder ein kulinarisches Wochenende einzuplanen. – Somit dürften Ihrer Leidenschaft keine Grenzen mehr gesetzt sein.

Sabine Ruhland (Herausgeberin)

Der Text ist erschienen im Magazin foodhunter 01/ März 2010. Das Copyright liegt beim Verlag

Sabine Ruhland, Foto Foodhunter